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Störungen der Verteilung des Blutes und Anzapfphänomene
In einer gesunden Beinstrombahn beträgt die Druckreserve etwa 50 mmHg (= Differenz
zwischen arteriellem Mitteldruck von etwa 100 mmHg und dem zur angemessenen Durchblutung
der Mikrogefäße notwendigen Druck von etwa 50 mmHg). Während Muskelarbeit oder
Erhöhung der Körpertemperatur kann durch Erweiterung der Muskel- bzw. Hautgefäße die Stromstärke in dem betreffenden Teilkreislauf bis zum 20fachen
gesteigert werden, ohne dass die Druckreserve nennenswert abnimmt. Jeder
Gefäßbezirk
bekommt so viel Blut, wie dies der aktuellen Weite des vorgeschalteten und für den
betreffenden Kapillarbezirk zuständigen Widerstandsgefäßes (Arteriole) entspricht.
Eine andere Situation ergibt sich jenseits eines Arterienverschlusses. Bei erniedrigter
Druckreserve führt jede Senkung des Organwiderstandes zu einer weiteren Abnahme des
Druckes. Auf Grund der begrenzten Leitfähigkeit der Umgehungsgefäße kann pro
Zeiteinheit nicht so viel Blut in die Gefäßbereiche hinter einem
Gefäßverschluss einfließen, wie dies
zur Druckkonstanz des Druckreservoirs notwendig wäre. Das System "Bedarf regelt
Angebot" funktioniert nicht mehr!
Woran liegt das? Generell daran, dass jenseits
eines Verschlusses innerhalb eines peripheren Versorgungsbereichs (z. B.
Muskulatur des Unterschenkels) bereits unter Ruhebedingungen große Unterschiede in der
regulativen Weite der kleinen Arterien und Widerstandsgefäße bestehen.
Oberhalb gelegene
Gefäßbereiche sind noch relativ gut versorgt und zeigen noch keinen
Zwang zur Erweiterung, um die Mangelsituation auszugleichen. Weiter unten
(hinter) gelegene Bereiche (z. B. Zehen) oder die in einem
mangeldurchblutetem (
ischämischen) oder entzündlichen Gewebeareal gelegenen Mikrogefäße müssen aber schon
unter Ruhebedingungen als Ausdruck ihrer schlechten Versorgungslage kompensatorisch
erweitern (Nutritionsreflex). Sie haben somit keine Erweiterungsreserve mehr. Kommt es nun
zu einem weiteren Reiz zur Gefäßerweiterung ( dilatatorischen Reiz), werden sich nur diejenigen kleinen Gefäße erweitern
können, die noch eine dilatatorische Reserve haben und gewöhnlich ohnehin nicht in
Gefahr sind. Mit anderen Worten: Eine Senkung des distalen arteriovenösen
Organwiderstandes durch eine wie auch immer verursachte Vasodilatation kann zu einer
Steigerung der Durchblutung ohnehin nichtbedürftiger Gewebeareale führen. Dies kann nur auf
Kosten der Strombereiche geschehen, die eigentlich des Vorteils einer Mehrdurchblutung
bedurft hätten.
Als Beispiel für einen solchen Effekt ist die Abnahme der Hautdurchblutung
an Fingern oder Zehen
jenseits eines Leitarterienverschlusses bei Muskelarbeit zu nennen. Ein anderes
Beispiel ist die Injektion in die Arterie von Gefäßerweiternden Substanzen: Durch kräftige
Erweiterung (
Dilatation) der noch tonisierten Widerstandsgefäße im oberen Bereich jenseits des
Verschlusses kann es zur Minderdurchblutung der weiter unten (distal) gelegenen und bereits
vorerweiterten Gewebebereiche kommen (periphere Hautabblassung).
Die Aussicht auf einen Behandlungserfolg ist um so größer, je geringer die Verminderung
der Druckreserve ist, je geringer die durch Gefäßerweiterung (Vasodilatation)
zusätzlich hervorgerufene Senkung des hinter dem Gefäßverschluss bestehenden
(postokklusiven) Druckes ist. In diesem Sinne günstige Voraussetzungen liegen vor allem
vor, wenn es um die Verbesserung der Hautgefäßdurchblutung in fortgeschrittenen Stadien
einer arteriellen Verschlusskrankheit geht (klinisches Stadium III und IV). Die
Hautgefäße
stehen vorwiegend im Dienst der Temperaturregulation und reagieren sowohl nach
Temperaturänderung mit Engstellung der Gefäße (Vasokonstriktion) bei Kälte oder
Gefäßweitstellung bei Wärme.
Dies kann bedeuten, dass selbst bei schwersten Durchblutungsstörungen die
Hautgefäße
nicht generell erweitert sein müssen. Letzteres trifft wohl für die unmittelbar im
Ulkus- oder/und Entzündungsbereich gelegenen Hautarteriolen zu, wahrscheinlich aber nicht
für die vorgeschalteten und in der weiteren Umgebung gelegenen. |
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